PROSANOVA 14: Literatur als Körperwissen

Wer vier Tage PROSANOVA-Festival hinter sich gebracht hat, darf sich zurecht fühlen wie von einem überlebensgroßen Organismus verdaut und wieder ausgespuckt. Die ersten Pressevertreter kommen mit wirren Notizen aus Hildesheim zurück, je früher der Abgabetermin, desto zerschossener die Sätze, in den sozialen Medien ist von einer „Überdosis Literatur“ die Rede, vom #postprosanovablues, von der unerträglich langen Prosanoviade, wie Autor Robert Wenrich die Wartezeit bis zum nächsten Festival getauft hat: noch etwa 1.090 Tage. Eine lange Zeit, um wieder nüchtern zu werden.

Was bleibt vom Rausch?

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„Dunkelfeldstimmen“ von Daniela Seel und Robert Stripling, Zuhörende.

Als am zweiten Abend des Festivals gefühlte Tausend Menschen über eine Stunde lang vor der Jakobikirche warteten, um Leif Randt lesen zu hören, als sie endlich Einlass fanden und im Kirchenschiff von einem beindruckenden Triptychon empfangen wurden, links und rechts zwei große Leinwände, auf der random YouTube-Clips projiziert wurden, in der Mitte ein karges Autorentischchen mit Wasserglas und Leselampe, Planet Magnon, als also endlich alle drin waren und es immer noch nicht losging, man stattdessen noch Ewigkeiten im Dunkeln saß, stand, lag, angestrahlt von überdimensionalen Katzen, Kindern, Traumtoren, Musikvideos, beschallt von aggressiv geilem Pop, als die Leinwände dann endlich schwarz wurden und die Musik verstummte und die Menge in ein frenetisches Klatschen und Rufen verfiel, um den Autor endlich auf die Bühne zu holen – da soll Hanns-Josef Ortheil, Gründer des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, in der ersten Reihe sitzend zu sich selbst und den zufälligen Menschen um ihn herum sehr laut und verärgert gesagt haben:

„Ja, ist das denn hier ein Literaturfestival?“

So eng ist die Erzählung PROSANOVA mit Rausch und Exzess verknüpft, dass man sich wirklich fragen kann: Waren am Ende einfach nur alle tierisch besoffen? Vom Wir, vom Bier, von den viel zu vielen dicht aneinandergedrängten jungen Körpern, den viel zu vielen dicht aneinandergedrängten Eindrücken, vom Ausnahmezustand, vom guten Wetter? Ist PROSANOVA vielleicht wirklich kein Literaturfestival sondern ein Festival für Literaturmenschen, die sich ansonsten, an ihren produktiveren Tagen, durchaus mit Substantiellem auseinandersetzen mögen, aber eben nicht hier? Spoiler: nein.

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Saša Stanišić liest aus „Vor dem Fest“, Jörn Dege moderiert.

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Kochen mit Felix Grisebach im Litroom.

PROSANOVA 2014 „tritt an, in Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren literarische Lebensentwürfe in individuelle Lesungsformate zu übersetzen“, so hieß es im Ankündigungstext. Und so abstrakt das als Fragestellung für mich klang, so konkret waren die Antworten, die mir das Festival darauf gegeben hat, vielleicht sogar körperlich, ein bisschen fühlt es sich jedenfalls an, als seien sie mir geradewegs in den Kopf massiert worden.

Zum Beispiel Mutmaßungen über die Wirklichkeit. Dorothee Elmiger liest aus ihrem Roman „Schlafgänger“, Wolfram Lotz seine „Verteidigungsrede des somalischen Piraten“, dann stellen beide Fundstücke ihrer Recherche vor, die den Texten voranging. Zeitungsartikel, Filmschnipsel, Bilder. Einen endlos gedehnten großartigen Moment lang steht Wolfram Lotz vor der Satellitenbildaufnahme eines somalischen Küstenabschnitts und dekliniert akribisch die Observationserkenntnisse über die winzigen dort versammelten Boote durch, die dem Hamburger Landgericht im Piraterie-Prozess 2012 zur Verfügung standen. Seine Ausführungen sind so absurd und komisch, so schmerzhaft wie der Text selbst. Es gibt hier nichts zu verstehen. Keinen einzigen Schritt tritt er vom ästhetischen Anspruch seiner Sprache zurück, um sie mir zu erklären, stattdessen nimmt er mich noch tiefer mit in sie hinein. Und nichts vermisse ich dabei weniger als eine Moderation, die von außen Fragen nach Politik oder Moral an diesen intimen Moment heranträgt. Weil sich wie von innen heraus plötzlich das seltene Gefühl herstellt, tatsächlich etwas über diesen Autor und das Verhältnis, in das er sich, schreibend, zur Welt setzt, erfahren zu können.

Oder die Veranstaltung #brandtlendlereich, in der Jan Brandt, Jo Lendle und Annika Reich mit den Möglichkeiten des social readings experimentieren. Auf der Onlineplattform rapgenius (ursprünglich eingerichtet für die kollektive Exegese von Raplyrics) haben sie unveröffentlichte Texte hochgeladen und wechselseitig kommentiert. Beim Vorlesen der Texte, immer sofort unterbrochen von den Kommentaren der anderen, entbrennt zwischen den dreien ein (nur teilweise) scherzhaftes Battle um Deutungshoheit und Publikumsgunst. Das ist unterhaltsam, weil es drei tolle EntertainerInnen sind, und es ist aufschlussreich in Bezug auf die Texte, die dabei live zerlegt werden. Vor allem aber bringt es etwas auf die Bühne, was sonst nur als Subtext mitläuft: das soziale Gefüge, in dem diese Texte stehen (und fallen). Wie in einem Improvisationstheater performen Brandt, Lendle und Reich ad hoc und in wechselnden Konstellationen Rollenbilder von Autoren und Lektoren, Kritikern und Verlegern, Kollegen und Freunden, aber auch (und das mit erstaunlicher Dringlichkeit) von Männern und Frauen, und das alles, natürlich, gleichzeitig. Ein Universum in einer Nussschale, in dem sich sämtliche Instanzen des literarischen Diskurses als spielerische Repräsentationen versammeln. Sodass ich mich einmal mehr frage, warum so viele Menschen der Überzeugung sind, man dürfe die Erkenntnismaschine Literatur niemals mit der Erkenntnismaschine Internet verschalten, das bringe in jedem Fall Unglück.

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„An Artist Should Not Lie to Himself or Others“ mit Sirka Elspaß

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„Ändere den Aggregatszustand deiner Trauer“ von Katja Brunner, inszeniert von Jasper Tibbe

Oder Fernsehen. FIGHTNIGHT. Nolte vs. Decar, in der Turnhalle ist eine Studiobühne aufgebaut. Die beiden jungen Dramatiker treten in verschiedenen literarischen Disziplinen gegeneinander an, eine Publikumsjury entscheidet, wer gewinnt. Was ist das schönste Wort der deutschen Sprache? Michel Decar sagt „Panorama“ und begründet das ausführlich. Jakob Nolte sagt: „Napf.“ Zwischendurch zwei schnelle Kanzlerduell-Grotesken, eine auf großer Leinwand gezeigte, verwackelte Homestory über das fiktive Produktionsbüro der Sendung mit skurrilem Creative-Lab-Personal, ein Studiogast, der sich als Thomas Pynchon ausgibt und den Rest der Show schweigend in ihrer Mitte sitzt und raucht. Ich habe noch nie eine dermaßen überstilisierte Inszenierung eines irgendwie jungen, irgendwie coolen literarischen Lifestyles gesehen, oder, nochmal auf Deutsch: eines Lebens mit Büchern, eines Lebensgefühls, das sich um Lesen und Schreiben dreht, eines so lässigen, selbstverständlichen Umgangs mit Literatur. „Abendunterhaltung“ twittert jemand, „Literatur-RTL“, und klar, man muss das nicht mögen. Aber man muss sehen, dass das keine Literatur-Fernsehsendung ist, sondern Fernsehliteratur, und bestimmt nicht RTL, sondern eher ZDF neo. Falls dort irgendjemand nochmal den Mut haben sollte, es mit Literatur für ein junges Publikum zu versuchen, genau so könnte das aussehen. Ein ziemlich erstaunlicher Wurf.

In jedem anderen Kontext hätte ich jede einzelne dieser Veranstaltungen wahrscheinlich als herausragendes Ereignis gefeiert, bei PROSANOVA waren sie Teil eines eng getakteten Programms, vielleicht auch gar nicht unbedingt die besten Punkte darin, nur die, die mir gerade am gegenwärtigsten sind, Eindrücke in einer Bewegungsfolge, einer Kopfmassage, vielleicht auch eines Verdauungsvorgangs, dem man sich als Besucher jedenfalls nur übergeben konnte, im Vertrauen darauf, dieser übermenschliche Organismus möge über ein Körperwissen verfügen, das es wert ist, sich für ein paar Tage ein bisschen aufzulösen. Nüchterner kann ich es nicht sagen. Weil sich erst in dieser körperlichen Erfahrung die abstrakte Formel des „literarischen Lebensentwurfs“ für mich einlöste, überhaupt verständlich wurde. Es ging gar nicht primär um interessante Texte oder innovative Lesungsformate, das auch, vor allem aber ging es, ganz grundsätzlich, um die Begegnungen mit den Denk- und Wirkräumen von Menschen, die gerade jetzt schreiben. Und was sollte ein Literaturfestival denn überhaupt anderes sein, was sollte es denn anderes tun als die bestmöglichen Bedingungen dafür zu schaffen?

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Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie nebensächlich es bei diesen Begegnungen wurde, ob jemand nun Romane, Gedichte oder Theaterstücke schreibt, Graphic Novels oder Songs, ob sie veröffentlicht sind oder nicht und in welcher Form, wie unhierarchisch das alles nebeneinander stand. Diese ganzen Kategorien und Eckdaten, sogar die biografischen, spielten kaum eine Rolle, in den seltensten Fällen wurde überhaupt anmoderiert, vorgestellt, eingeordnet, legitimiert. Das brauchte es nicht, die Autorinnen und Autoren waren einfach da: dort, wo sie sich selbst hingestellt hatten, ausgestattet mit den Waffen, die sie selbst frei gewählt hatten, sie sprachen für sich. Und man kann diese abenteuerliche Missachtung der Etikette nachlässig oder unhöflich finden, aber ich glaube, gerade an solchen, vermeintlich unprofessionellen Stellen zeigt sich die ganze idealistische Radikalität, mit der dieses Festival seine eigenen Maßstäbe entwickelt, sich seine kleine intrinsisch motivierte Gegenwelt zusammenzimmert. Das ist vielleicht das eigentlich berauschende an PROSANOVA: dass das überhaupt geht. Das Wir, das Bier, die viel zu vielen dicht aneinandergedrängten jungen Körper, die viel zu vielen Eindrücke, den Ausnahmezustand, das gute Wetter, das gibt es zuverlässig alle drei Jahre umsonst obendrauf.

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Alle Lesungen zum Nachhören auf litradio.net
Mehr Informationen zum Festival auf prosanova.net

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Victor Kümel war 2008 im Team der PROSANOVA-Festivalzeitung, 2011 als Redakteur der BELLA triste Teil der Künstlerischen Leitung des Festivals. 2014 war das erste PROSANOVA, das er als Zuschauer besuchte.
Fotos: Victor Kümel, CC BY-NC 3.0 DE

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3 Kommentare

  1. Prosanoviade ist ein wunderbares Wort, auch mich macht die lange Wartezeit schon jetzt ein wenig traurig! Danke für diesen schönen Bericht, durch den ich noch einmal in diese wunderbaren vier Tage eintauchen konnte. 🙂

  2. […] 12) “Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie nebensächlich es bei diesen Begegnungen wurde, ob jemand nun Romane, Gedichte oder Theaterstücke schreibt, Graphic Novels oder Songs, ob sie veröffentlicht sind oder nicht und in welcher Form, wie unhierarchisch das alles nebeneinander stand. Diese ganzen Kategorien und Eckdaten, sogar die biografischen, spielten kaum eine Rolle, in den seltensten Fällen wurde überhaupt anmoderiert, vorgestellt, eingeordnet, legitimiert. Das brauchte es gar nicht, die Autorinnen und Autoren waren einfach da: dort, wo sie sich selbst hingestellt hatten, ausgestattet mit den Waffen, die sie selbst frei gewählt hatten; sie sprachen für sich. Und man kann diese abenteuerliche Missachtung der Etikette nachlässig oder unhöflich finden, aber ich behaupte, dass sich gerade an solchen, vermeintlich unprofessionellen Stellen die ganze idealistische Radikalität zeigt, mit der dieses Festival seine eigenen Maßstäbe entwickelt […]” Victor Kümels Festival-Fazit auf dem Open-Mike-Blog: “PROSANOVA 14: Literatur als Körperwissen” […]

  3. […] * Related: PROSANOVA 14: Literatur als Körperwissen […]

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