Aus der Werkstatt von Christian Schultheisz: Durch die Nase

Frühestens vierzig Minuten nach Abfahrt wird einem der Begleiter eröffnen, dass es übrigens gegen die Dorfsitte sei, durch den Mund zu atmen, weshalb man nach Ankunft besser nur noch durch die Nase atme, auch beim Sprechen, was erfahrungsgemäß jedem schwer falle, trotzdem bitte er darum, aus Respekt vor den Bewohnern, die davon abgesehen wirklich sehr umgänglich seien, äußerst gastfreundlich, bloß in dieser einen Sache etwas empfindlich. Man solle die restliche Fahrtzeit ruhig nutzen, um sich einzuüben.
Beginnt man dann tatsächlich nur noch durch die Nase zu atmen, wird der Begleiter einen sofort loben, ausgezeichnet, wird er sagen, ganz ausgezeichnet, und jetzt sprechen Sie mal. Wunderbar. Aber mehr, längere Sätze!
Bei längeren Sätzen gerät man natürlich ins Stocken, der Begleiter ins Lachen, schwierig, nicht wahr, immer Luft holen zu müssen. Davon solle man sich aber nicht verunsichern lassen, im Dorf redeten alle so, dieses Abgehackte sei dort ganz normal.
Fragt man den Begleiter, woher die Sitte stamme, wird er einen vorerst korrigieren, Unsitte, wird er rufen, keine Sitte, eine Unsitte, die daher käme, dass die Dorfbewohner meinten, durch den Mund zu atmen sei unzivilisiert, nur die Tiere atmeten durch den Mund, ein zivilisierter Mensch hingehen müsse in der Lage sein, das Leben ohne große Mühen zu meistern, sozusagen ohne Gehechel, nur durch die Nase atmend, erst darin zeige sich seine wahre Überlegenheit.
Darüber einigermaßen erstaunt wird man schweigen, der Begleiter seufzen, tja, so ist das bei denen.
Spätestens an dieser Stelle wird man von ihm wissen wollen, was denn geschehe, wenn einer doch durch den Mund atme, durch den Mund atmen müsse, zum Beispiel wegen eines Schnupfens oder weil ihm jemand aus Gemeinheit die Nase zuhalte.
Die Strafen dafür seien hart, reichten bis zur Verstoßung aus dem Dorf, hinein in den Wald zu den Tieren. Normalerweise habe die Dorfgemeinschaft jedoch Verständnis für Ausnahmen. Er habe allerdings auch schon von Fällen gehört, in denen Einwohner, deren Nasen aus Krankheitsgründen verstopft waren, willentlich erstickt seien. Diese würden von den anderen als Märtyrer verehrt.
Darauf wird man erneut schweigen.
Bis man schließlich fragt, wie das denn überhaupt möglich sei, ein Alltag, in dem sich keiner groß anstrengen, jeder nur durch die Nase atmen dürfe.
Abwarten, wird der Begleiter grinsen, wir sind fast da.

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