Butterbrötchen und Neurosenpflege: Der Workshop zum 21. open mike

Von Christian Preußer

Literaturbetriebsassoziierter Hornbrillenträger (anonymisiert) vor Mercedes - beides ältere Modelle. Abbildung ähnlich.

Literaturbetriebsassoziierter Hornbrillenträger (anonymisiert) vor Mercedes – beides ältere Modelle. Abbildung ähnlich.

So sitzen wir also da, am Ufer des Schwielowsees, wir Ärztesöhne und Professorentöchter, Managerkinder und Zöglinge des bundesrepublikanischen Spitzenpersonals. Wir essen Pilzrahmsuppe, tasten uns ab, lachen vorsichtig, schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Das Theater und der Rausch, die Euphorie und der Verdruss, die Blockade und die Explosion – nichts ist vergessen, alles noch da.
Mit unseren Sporttaschen und Rollkoffern schlendern wir durch den Schnee, verharren am Steg, nippen verhalten an unseren Teebechern, beziehen Zimmer, treffen uns im Gruppenraum, sprechen über Erwartungen. Klassenfahrtatmosphäre.
Dann, nach Kaffee und Verbrüderungszigaretten, kopfüber rein ins Lektorats-Gespräch.
Was will ich hier? Was mache ich hier? Wer bin ich? Antworten finden.
Ein bisschen stottern, ein bisschen reden, ein bisschen ertappt fühlen, ein bisschen bestätigt werden. Der Text steht da und er ist immer schlauer. Das geht tief rein, man blutet aus und lacht verlegen.
Was ist das Schreiben? Druckabbau und innerer Zwang, Bestätigungswunsch und miese Schufterei, am Ende existenzielle Verzweiflung und himmlische Ekstase.
Die Hornbrillen sind längst verpackt, da stehen wir vor der Tür des Hofrestaurants, hauen uns Zigaretten um die Ohren und – es ist eine Farce – trinken Bier und Wein, Whiskey und Schnaps.
„Die lahmste Schriftstellergeneration“, ruft da jemand und ein anderer hängt mit dem Kopf über dem kalten Keramikbecken.
Kaffee spült die Schmerzen weg und Butterbrötchen kämpfen gegen Unbehagen.
Nach dem Frühstück: Weiter bluten, bis auf den letzten Tropfen, sagen was los ist, sagen was da ist, sagen warum was ist. Textarbeit wird zur Neurosengärtnerei. Literatur ist mehr als Wahrheit.
Sonnenschein am Schwielowsee. Spazierengehen, Kiesel werfen, Enten gucken.
Aus Freundschaftlichkeiten wird ein zarter Hauch von Freundschaft.
Noch einmal Gespräch, das letzte Aufschlitzen, Handwerk prüfen, Fragen im Text suchen, Fragen beantworten. Nicht irgendwelche Worte finden.
Es bleibt dabei, was wir doch wussten, trotz der Rufe: Schreiben, Erzählen ist kein Zufall, keine Karriereplanung, kein Visitenkarten-Abschleppen, keine Glücksoption. Es ist ein Muss, das uns vereint.
Am Morgen: Mit dem Zug zurück.

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