Aus der Werkstatt von Janin Wölke: Taxonomie

TAXONOMIE

„Erste Person, unzensiert, ohne poetische Regeln – Scheiß auf alles!“

 

1. Verhalten

In der zweiten Etage unseres Hauses liegen im Hausflur auf einer Fensterbank aussortierte Haushaltsgegenstände – Teller, Thermoskannen, gelbe Plastikschüsseln. Am Fenster darüber klebt ein Zettel, auf dem steht: BITTE ZUGREIFEN!

Das Wort ZUGREIFEN gefällt mir gut. Ich greife zu auf die Dinge – ich greife auf Gegenstände zu, auf Filme, Songs, Kunst, Details, die mich umgeben; auf Formen, Häuser, Menschen, H + M. Ich greife zu auf Ereignisse in meinem Leben, auf meinen Alltag, auf alles, das in mir einen Abdruck hinterlässt, Verknüpfungen erstellt, Elektrizität erzeugt. Ich greife zu auf Empfindungen, Ideen, Ambitionen, Hoffnungen, Bewegungen, Beschwerden, Ängste, Knoten.

Der Sinn ist, so zum Wesentlichen in meinem Kopf vorzudringen; aus der Simultanität Entscheidendes zu filtern; durch das Schreiben zu extrahieren; zu begreifen, was tatsächlich relevant ist für mich; Konzentration schaffen. Das Abarbeiten von kultur- und sprachphilosophischen Theorien, von literarischen Traditionen und das Experimentieren mit Sprachmaterial verfolge ich daher nicht. Ich möchte unmittelbar schreiben, ohne dogmatische Kondome – ich will mich nicht schützen beim Schreiben, ich will mich verstehen!

 

2. Abstammung

Aber ich nenne William Carlos Williams: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts sagte er: „No idea but in things.“ Er beschrieb Straßen, Hausfrauen, Schnee, „ein Stück Land“ in extrem reduzierter Sprache. Er sagte, „ein Gedicht ist eine kleine (oder große) Maschine, hergestellt aus Worten. Nichts an einem Gedicht ist sentimentaler Natur; damit will ich sagen: es darf so wenig wie irgendeine andere Maschine überflüssige Teile enthalten.“

Ich nenne Henry Miller: Parallel zu Williams trieb er in den dreißiger Jahren die Prosa ins absolut Existenzielle. Er schrieb eigentlich nur über Sex und Essen. Niemand macht das so gut wie er. Bevor Miller in Paris „Im Wendekreis des Krebses“ begann, schrieb er an einen Freund: „Ich beginne das Pariser Buch: Erste Person, unzensiert, ohne poetische Regeln – Scheiß auf alles!

Ich nenne Jack Kerouac: Zeitgenosse Williams und Millers. Er beschrieb, besang in leidenschaftlichem Gestus seine Reisen quer durch Amerika. Er erzählte von sich und seinen Freunden, von den Bars, in denen sie rumhangen, vom wilden Jazz, der dort gespielt wurde, von ihren Alkoholexzessen und von den Mädchen.

Ich nenne mich. Ich muss „ich“ sagen als Schriftstellerin und ich muss zugreifen auf mein Leben, weil alles andere mir zu fremd erscheint, unaufrichtig und unwesentlich.

Für mich ist es eine Frage der Herkunft: Ich komme nicht aus der Theorie. Ich komme mitten aus dem regellosen, traurigen, süßen Leben, wo es schmutzig ist, wo laut gestritten und gebumst wird, wo geraucht und getrunken wird bis zum Rausch, jedes Wochenende, wo die Leute ihre quälenden Sorgen in die Fenster schmieren oder in keifender Euphorie zu Schlagern tanzen, laut singend und weinend. Ich komme von hier. Ich bin in Ost-Berlin, im Friedrichshain groß geworden nach der Wende. Wir waren noch klein, kleine Jugendliche, uns ganz überlassen. Silvester ’89 saßen meine Großeltern und meine Mutter heulend vor dem Fernseher, weil sie Angst hatten. Wir waren kleine Verwahrloste und hatten großen Spaß. Wir waren immer auf der Straße. Wir kleideten uns wie die Hausbesetzer aus der Kreutziger, weil wir das cool fanden. Als sie die Kreutziger und die Mainzer Straße räumten, standen wir gegenüber in unseren kalten Hausfluren und starrten mit offenen Mündern auf die Panzer und die Wasserwerfer.

Einmal kam mein Vater zu uns nach Hause. Ich hatte ihn noch nie bei uns gesehen. Dafür etliche andere Männer. Ich war vorher sehr aufgeregt und zog meine schönsten kaputten Hosen an. Er redete nicht mit mir. Schaute mich nur an. Wahrscheinlich war er ratlos, was ich sein sollte. Später, als die Hausbesetzer weg waren und überall nur noch Techno lief, tranken wir an jedem freien Tag in jedem dreckigen Hausflur Rosenthaler Kadarker auf ex. Es musste billig sein und schnell gehen. Wir piercten uns gegenseitig und rauchten getrocknete Schuhcreme mit wenig Peace.

Meine Mutter hatte in der Druckerei des Neuen Deutschlands gearbeitet. Nach der Wende war sie ABM-Kraft. Meine Schwester, nur ein Jahr älter als ich, wuchs bei meinem Vater auf. In Karlshorst – Spießerviertel, Lehrerhaushalt, Klavierunterricht, Chor, viermal im Jahr in den Urlaub, gebügelte Levis-Jeans, blonde, lange Haare. Alles, was ich nicht hatte. Ich hatte rote, kurze Haare und Löcher in den Strumpfhosen.

Das sind meine Themen. Das Leben ist mein Thema. Mein Kopf hat keine Funktionen für Theorie. Da bin ich Legastheniker. Theorie bleibt mir fremd bis heute. Ich bleibe fremd den intellektuellen, bürgerlichen Gesten gegenüber. Dem Kanon. Den Traditionen. Ich kenne sie, aber ich möchte sie nicht fortsetzen. Ich könnte zitieren, ich kann inzwischen zitieren, jeder kann das, der sich länger und intensiv mit einem Thema beschäftigt. Jeder kann ein Buch finden, es aufschlagen und die Sätze daraus nachlesen, nachsprechen, nachdenken, sie anderen unter die Nase halten. Ich möchte allein zu meinen Gedanken kommen. Ich möchte keinen Kanon, keine Traditionen durchklappern, ich möchte keine Kondome benutzen, ich möchte den Saft in mir spüren und alles rauslaufen lassen. Ich möchte unmittelbar schreiben, weil es mir selbst gegenüber die ehrlichste und produktivste Form der Selbstkommunikation, ja Selbsterfahrung ist. Kenah Cusanit sagt, das sei Selbstheilung, eine Art Körpertechnik.

 

3. Aussehen

Jeder hat eine besondere Wahrnehmung der Welt. Lyrik ist mein Ausdrucksmittel, mein Instrument, diese Wahrnehmung umzusetzen. Ich versuche meine eigene, adäquate Sprache zu finden. So bin ich zur Zeit bei einem prosanahen, umgangssprachlichen Duktus angekommen, der mit Auslassungen arbeitet und Exaktheit anstrebt.

Ich wähle das Gedicht, weil meiner Bewertung nach, seine formalen und inhaltlichen Bedingungen Kürze, Konzisheit, anschauliche Sprache und liedhafte Form sind. Diese Parameter ermöglichen mir Konzentration und damit gleichzeitig eine hohe Entspannung – zwei Fähigkeiten, die mir sonst schlichtweg abgehen.

Ich entscheide mich für das Gedicht, weil ich wie François Truffaut, keine durchgehenden Handlungen erfinden kann, dafür aber die essentiellen, dramatischen Momente entscheidend finde – und tatsächlich auch poetisch im romantischen Sinne. Truffaut machte den Film „Tirez sur le pianist“, allein weil er eine Szene unbedingt drehen wollte – einen Schlüsselmoment: Wie ein Auto lautlos über frisch gefallenen Schnee fährt.

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