Aus der Werkstatt von Lea Schneider: Ohne Titel

angenommen, das alles passiert und ich schaue es bloß an.
meine umwelt wird kino, nur aus dem saal komme ich nicht
mehr raus. dafür wird er etwas größer und bietet jetzt auch
eine kochgelegenheit. ansonsten verändern die dinge sich
kaum. das einzige, was wirklich neu ist, sind die momente des
zweifelns. es kommt vor, dass ich sämtliche abschürfungen
auf der haut des puddings im kühlschrank dokumentiere und
denke, das sei keine wichtige aufgabe. dass ich meine arme
festhalte wie ein anfänger einen regenschirm. dabei weiß ich
doch, der traum vom fliegen basiert auf der fähigkeit zum
loslassen: er wird durch passivität realisiert. hier bringt mich
also nur entspannter fanatismus weiter. ist es das, was mir
dieser film sagen will? ich will ja nicht drängeln, aber mein
interesse an frontalunterricht nimmt mittlerweile deutlich ab.

und dann: epiphanie. auf dem sofa erkennt ein protagonist
den ausdrücklichen trost von gegenständen: ihre unbedingte
loyalität in wohnungen, wo man sie aus schachteln holt, ding
um den gegenstand herum, das ein möglichst dünner rand ist,
wie bei guter pizza (aber auch die kommt in schachteln). in
solchen räumen ist man weder hilflos noch handlungsfähig,
das ist eine andere frage. vom protagonisten sieht man nur,
was wichtig ist: hände, die auspacken. weil das sicherste
versteck an der oberfläche liegt, finden sie nichts. die wirk-
lichkeit begreift sich dort als ablageoption, als möglichkeit
eines frühstücks, das der protagonist erstmal stehen lässt.

überall osmose. man erklärt sie mit kirschen im regen,
ihrer schale, wenn sie aufplatzt. ein lösungsmittel, wir
haben lange danach gesucht. füllen es zur vorläufigen
aufbewahrung in gläser und stoßen aneinander, wie die
verschiedenen möglichkeiten einer änderung. dazu denken
wir uns einen strand: das ist in fast jedem vorstellbaren
fall die richtige antwort. wir sinds, wir sitzen im sand
zwischen kirschbäumen, die es hier gar nicht geben kann.
die zeit läuft uns davon. wir trinken so viel wir können,
aber solange der regen nicht aufhört, nähert sich das meer.
obwohl sein salzgehalt dadurch stark reduziert ist, darf
es auf keinen fall an die wurzeln kommen: die ähnlichkeit
mit tränen ist fatal. spätestens jetzt wird klar, dass unsere
suche ein fehler war: wenn die bäume von unten weinen,
muss schon zu beginn etwas völlig schief gelaufen sein.

aus: Ungefähre Objekte. Der Band erscheint im Herbst 2014 im Verlagshaus J. Frank.

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