Tag Zwei oder Murmel Murmel

EP: Ist heute ein besserer Tag als gestern?

LB: Ja! Viel besser, du hast doch meinen Jubel gehört, bei Stefan Hornbach und Sabine Gisin vor allem. Wenn mir jemand von „Violently happy“ erzählt hätte, wäre ich wahrscheinlich gar nicht begeistert gewesen. Die Strapazen einer Krebsbehandlung mit einer Beziehungskiste zu verbinden – schwierig, schwierig. In der Umsetzung aber einfach großartig, völlig unprätentiös, sarkastisch. Da fühlt man sich gar nicht als Voyeur. Und Sabine Gisin präsentiert mit „Bob“ einerseits interessant verschobene Familienrollen, diskutiert andererseits aber auch Beruf und Berufung. Da geht es auch um Frauenrollen, aber in dieser Verbindung ist das neu für mich. Und wo wir bei Frauen-/Männerrollen sind: Was hältst du von Jonathan A. Roses „Mann“?

EP: Schwierig, schwierig. Dem Text hab‘ ich zwischendurch sogar mal das Literarische abgesprochen, aber dann hat Fabian zu Recht kritisiert, dass ich Autor und Erzähler zu sehr in Eins fallen lasse. Also sag‘ ich jetzt, dass mir die Erzählperspektive zu banal diesen Vorgang der Geschlechtsumwandlung abbildet und dass in dem Text für mich als Leserin kein Platz ist, weil alles ausbuchstabiert wirkt. Ich hab‘ mich ja über die Frauenbrüste amüsiert, wie sie bei Rose und Flegel vorkommen, mal abstoßend, mal anziehend. Maskulin-feminin ist ohnehin ein Thema, ich denke da nur an die männliche Muskelmasse bei Flegel und Dziuk, einmal als Fetisch der Erfolgreichen, dann als Fetisch der Verzweifelten mit Verfallsdatum. Sag‘ Du doch mal etwas zum Thema Beziehungen, Lea.

LB: Ja, Beziehungen ziehen sich thematisch durch. Menschen sind vielleicht einfach das, was Menschen am meisten beschäftigt. Problematisch wird’s, wenn diese Beziehungen möglichst drastisch geschildert werden, um die Zuhörer bei der Stange zu halten. Da schnallt sich dann jemand ein Dildo um und zack!, ist das Publikum wieder da. Diese Drastik kaschiert dann manchmal ein wackliges Textgerüst. Da sollte man aufpassen. Wer völlig rausfällt, sprachlich und inhaltlich, ist Dmitrij Gawrisch. Der schert sich nicht groß um Beziehungskisten.

EP:  Stimmt, dessen Erzähler schreibt ja fast beziehungslos vor sich hin. Die Beziehung zu seinen Lesern oder „Lektürern“ ist ziemlich gestört, weil er eben nichts „Bewährtes über Mannweibliches und Berlinerisches“ schreibt. Hier wird der Text am Rande zu einer Betriebssatire, da kommt in diesem Avantgardetext eine realweltliche Ebene zum Tragen. Freut mich sehr, dass er gewonnen hat. Die Jury hat aber nicht nur das experimentelle Feigenblatt im sonst von gut gemachter Prosa gefärbten Wettbewerb ausgezeichnet, oder?

LB: Ich find’s auch gut, jemanden für die Avantgarde dabei zu haben. Persönlich kann ich mit diesen Paraphrasierungen aber nicht viel anfangen. Wenn ich da ein Wörterbuch Gawrisch-Deutsch brauche, das ist nichts für mich. Als Lyrik funktioniert das für mich vielleicht schon eher, aber nicht als Erzählung auf mehreren Seiten. Apropos Lyrik: Lea Schneider fand ich wahnsinnig gut. Dieser kolloquiale, lässige Stil, in dem immer wieder präzise Beobachtungen aufleuchten. Gleichzeitig auch oft etwas Schräges, Skurriles wie der „Schluckauf im Flur“, wunderbar! Ein wirkich guter Tag, würd ich sagen.

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ein Kommentar

  1. Dmitrij Gawisch fiel heraus, aber ich fand seinen Text dennoch misslungen. Ein Schriftsteller soll die Sprache lieben, die Liebe aber nicht zur Manier werden lassen. Das hat mich gestört, und ich halte es für einen Holzweg – frage mich auch, inwieweit sich die Jury von der STIMME Gawrischs hat bezaubern lassen. Gisin z. B. hat meines Erachtens schlecht vorgelesen, aber ihren Text fand ich exzellent. Hornbach auch sehr gut. Gelangweilt hat mich nur Korbach.
    Nach welchen Kriterien wählt die Lektorenjury aus? Geht es nach der Qualität der eingereichten Texte, oder geht es um ihre Verwertbarkeit?

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