Tag Eins oder: Das Gemurmel nach der Show

LB: Und, welche Texte sind Deine Favoriten nach dem ersten Tag?

EP: Kenah Cusanit fand’ ich gut, ich mag solch ausgetüftelte, dichte Prosa. Jens Eisel hat einen guten Text gelesen, aber vielleicht ist der inhaltlich ein bisschen dünne. Über Paula Schweers’ “Inseln” denke ich noch nach, beim Lesen bin ich an dem Text abgerutscht, aber bei der Lesung fing er an mich zu interessieren. Das ist eine geschickt konstruierte Kippfigur: da lese ich eine von mütterlichem Missbrauch traumatisierte Psyche heraus, die versucht, die unterschiedlichsten Eindrücke zu kategorisieren, was aber misslingt. Da klappt die Wertung nicht mehr, die Hierarchisierung ist zusammengebrochen oder auch: es bricht immer wieder der Damm, der traumatische Erinnerungen vom Alltagsbewusstsein abschottet, und das finde ich doch spannend

LB: Kenah Cusanits Text gefiel mir auch ganz gut. Diese mäandernde Form, das Zurückkehren zu Schlamm und Lehm. Ich merke grad, das hat ja fast was Religiöses. Gleichzeitig aber auch diese Grabungsszenerie, die so stark ausgearbeitet ist. Wenn ich das höre, denke ich, da schreibt eine, die Ahnung von etwas hat. Das gibt Substanz. Bei Paula Schweers bin ich mir unsicher. Ihr Vortrag hat mir gar nicht gefallen, war zu monoton. Und ihr Text als Kippfigur mit verschiedenen Facetten? Ja, kann man so sagen. Auf mich wirkte die Erzählung dadurch allerdings etwas überkonstruiert.
Wie sieht’s mit der Lyrik aus? Was sagst dazu?

EP: Die poetischen Ortsumkreisungen von Stephan Reich haben mir zugesagt, wenn auch mehr beim Lesen. Beim Vortrag nahm das doch etwas gleichförmig Unheimliche so überhand. Aber diese leicht verrätselten Geschichten – der japanische Selbstmörderwald zum Beispiel – oder die Parallelgedichte zum Mount Everest, die Nord- und Südroute, die hab’ ich gern gelesen. Maren Kames’ Gedichte finde ich noch einen Tick ansprechender, weil die Gedichte, die sie vorgestellt hat, thematisch viel stärker verbunden sind und sie so unterschiedliche Formen nebeneinander setzt, den Einzeiler neben das lange Prosagedicht. Sehr reich, finde ich.

LB: Von Stephan Reich war ich beim Lesen auch sehr angetan. Während des Vortrags haben mich die Readymades dann aber doch etwas gestört und manchmal hatte ich den Eindruck, dass eben nicht mehr als eine Ortsbegehung dabei rumkommt, etwas in Richtung Naturlyrik. Das ist schön, aber mir fehlte da das (Zwischen)Menschliche. Was Maren Kames betrifft, bin ich mit dir d’accord. So richtig umgehaun, im besten Sinne, hat mich heute aber noch nichts. Es scheint keinen klaren Favoriten zu geben, oder?

EP: Nein, ich denke nicht. Ich hab’ schon mitbekommen, dass Kenah Cusanit keineswegs nur Fans hat, und viele fanden Helge Hallings Text gut, der mich aber wegen der Klischeefiguren total genervt hat  – auch wenn man ihm einen wirklich runden Schluss zugute halten muss. Mit Fabian habe ich über Ben Atréu Flegels Einreichung fast schon gestritten, auch da finde ich die beiden Protagonisten ungeheuer holzschnittartig, und für Genderbeflissene ist das schon mal gar nix. Aber für Fabian war’s ein Highlight.

LB: Da waren mir die Frauenfiguren auch zu flach. Aber ich freu’ mich umso mehr auf morgen, auf Gisin, Schneider und Hornbach. Die habe ich am liebsten gelesen. Aber da werd’ ich ja nicht mehr livekritiken, sondern bin als Reporterin unterwegs…

EP: Da bin ich auch schon gespannt. Was ja zu heute unbedingt noch anzumerken ist: Dass Christian Schulteisz mit einem ohnehin schon länglichen Text die Zeit dreist überzogen und die Jury auch noch angewiesen hat, das Weckerklingeln zu überhören. Nachdem der open mike ein Wettbewerb ist, hätte man ihn meiner Meinung nach disqualifizieren können. Christiane Lange von der Literaturwerkstatt hat dann ja nach der Pause noch einmal auf die 15-Minuten-Regeln hingewiesen, aber da hätten auch wir im Publikum protestieren können. Naja, war alles in allem jedenfalls mal wieder gut, unter Literatur verschüttet zu werden und da durch zu müssen wie ein Holzwurm durch’s dicke Brett. In meinem Kopf rauscht’s rosa, um das gestrige Universal-Kolloquium noch einmal zu zitieren, aber das passt.

LB: Rosa Rauschen, ja. Da überhört man das Weckerklingeln vielleicht schon mal. Aber du hast recht, Christian Schulteisz hätte das nicht so locker übergehen sollen. So. Jetzt aber ab nach Hause und noch ein paar Interviewfragen vorbereiten. Damit es morgen rasant und rauschend weitergeht.

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