Nadja Schlüter „Wahrscheinlich die Geschichte einer Freundschaft“

Wie zufällig geraten Corinna und Kai aneinander und bleiben dann einfach aneinander kleben. Zwei Figuren mit einem Innenleben, das durch und durch hölzern und mechanisch wirkt – und trotzdem oder gerade deshalb so plausibel. Weil der ganze Text sich in dieser weichen Mechanik bewegt, in deren Logik der Herzschlag, das Essverhalten oder das Bettmachen zu Scharnieren werden, die Banalität und Überladung in der Schwebe halten, jedenfalls tragen.

„Immerzu suchten sie einander, und wenn sie wussten, dass der jeweils andere in der Nähe war, dann vergaßen sie alle anderen und suchten einander, bis sie sich gefunden hatten. Denn nur dann kam alles zur Ruhe, und einmal sagte Corinna, ihr Herz schlüge nur dann so, dass sie es ertragen könne, langsam und regelmäßig, wenn Kai in ihrer Nähe sei.“

Kai und Corinna müssen nach einigen Versuchen feststellen, dass alles zwischen ihnen funktioniert außer Sex, und dass sie sich also nicht lieben, dass sie also wahrscheinlich nur Freunde sind, dass sie also neben ihrer innigen und ausschließenden Beziehung noch andere Partner, andere Beziehungen brauchen, wozu sie aber nicht wirklich fähig sind. Mit dieser pointiert erzählten und ziemlich komischen Folgerichtigkeit werden unsere beiden mechanischen Figuren sehr unglücklich.

„Erst war es so, dass Kai tagelang nichts aß und anschließend tagelang sehr viel. Dann zog er alle paar Wochen um, nirgends wollte er bleiben. Wenn er in einer Wohngemeinschaft lebte, wollte er lieber alleine wohnen, wohnte er alleine, fühlte er sich einsam und suchte nach einer neuen Wohngemeinschaft, und so irrte er mit seinem Hab und Gut durch die ganze Stadt.“

Sukzessive steigert sich Wahnsinn der beiden unglücklich ineinander Verkeilten und mündet in ein  niedlich-tragisches Finale, einem quasi Selbstmordversuch von Corinna – in der Waschanlage.

3 Kommentare

  1. […] Nadja Schlüter: “Wahrscheinlich die Geschichte einer Freundschaft” […]

  2. Den Selbstmordversuch finde ich sehr überinterpretiert.

  3. Ja? Aber der Akt, die Geste ist doch schon die des Selbstmords – auch wenn es nicht wirklich ernst zu nehmen ist, also mehr so ein „ich springe vom Balkon“ oder „Ich esse alle Tabletten in meiner Hausapotheke“-Selbstmordversuch eben.

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